Dienstag, 1. Juli 2014

Tick, Tick, Boom!

Hey hey hey!

Der Titel ist heute im doppelt- und dreifachen Sinne passend.
Zum Einen tickt die Uhr bis zu meinem Heimflug in nicht einmal mehr 3 Wochen immer lauter. Zum Anderen knallt es bei mir im Moment irgendwie Schlag auf Schlag, was Missgeschicke angeht. (Wer im Anschluss jetzt eine Aneinanderreihung von Dingen, die gerade schief laufen, befürchtet, der liegt völlig richtig!)
Gleichzeitig ist der Blogtitel aber auch namensgebend für das Lied, das mein drittes Video begleiten wird. (Ja, es gibt ein Video! :-) )

Das „Drama“, wie man es fast nennen könnte, begann schon vor fast 2 Wochen in Sucre, als ich die Glanztat vollbrachte, meine Kreditkarte im Bankautomaten zu vergessen. So bin ich momentan ein wenig mittellos und auf meine Mitreisenden angewiesen, da so langsam auch mein Bargeld knapp wird. Soweit so schlecht.

Die Reise über La Paz zur Isla del Sol verlief recht problemlos und vor allem unspektakulär. Dann ging es rüber nach Peru, das in der Region, in der ich war, mehr Gemeinsamkeiten mit Bolivien hat als Unterschiede. Eigentlich ist es quasi identisch, abgesehen davon, dass alles ein wenig entwickelter, viel touristischer und vor allem auch teurer ist. 



Auf dem Reiseplan standen hier die Inka-Hauptstadt Cusco und wie angekündigt Machu Picchu, das in der Wirklichkeit noch viel, viel beeindruckender ist, als auf Bildern.  Der Besuch macht den Geldbeutel zwar eine ganze Ecke leichter, aber es lohnt sich wirklich!

Ich könnte euch jetzt mit einer Reihe von Fakten über Machu Picchu zutexten, wie sich das für einen gewöhnlichen Blog gehört. Aber ich gebe mir ja wirklich größte Mühe, keinen gewöhnlichen Blog zu schreiben. Nur so viel: Es ist das beeindruckendste Bauwerk, das ich je gesehen habe! Abgesehen von der neuen Martin-Niemöller-Schule natürlich. 














Dass dieses Meisterwerk von Konstruktion, Infrastruktur und Architektur - Beweis unglaublicher körperlicher Kraft, Geschicklichkeit, Intelligenz, Kreativität und Durchhaltevermögen – von den Vorfahren der heutigen indigenen Bevölkerung Perus erschaffen wurde, kann man sich nur sehr schwer vorstellen. Damals, im 15. Jahrhundert, hatten die Inkas noch nicht einmal das Rad erfunden.



Na ja, genug davon geschwärmt. Ich hatte ja angekündigt, in Selbstmitleid zu versinken. Also:
Auf dem Rückweg von Machu Picchu wurde mir dann mein Handy samt deutscher Sim-Karte geklaut. Mit Blick auf meine Reise allein durch Brasilien, die Kosten, den Aufwand und die Dateien etc. mehr als ärgerlich.
Dass außerdem auch meine Festplatte mit meiner kompletten Musiksammlung, allen Fotos und so ziemlich allen anderen Dateien, nicht mehr funktioniert, ist eine weitere Katastrophe. Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt (…), der sowas reparieren kann, gerne immer raus damit!
Bei Bedarf folgt gerne bald noch eine Liste von im Laufe des Jahres verlorenen, gestohlenen und kaputtgemachten Gegenständen, aber die Liste reicht wohl für einen eigenen Blogeintrag.

Also Kreditkarte weg, Handy weg. Aber es kam noch dicker. Bei unserer Einreise nach Peru wurde uns zwar ein bolivianischer Ausreise-Stempel aufgedrückt, aber kein peruanischer Einreisestempel. Also waren wir quasi eine ganze Weile lang illegal in Peru. Die Bürokratie hier funktioniert in etwa so zuverlässig wie flexibel. Man hatte uns in keinster Weise informiert und wir haben uns auch nicht grade clever angestellt. Man bot uns an, uns entweder von der Polizei einbuchten zu lassen oder eine Stange Geld als Schmiergeld zu zahlen. Als wir daraufhin einen kleinen Streit vom Zaun brachen, sind wir anschließend einfach über die Grenze nach Bolivien ‘geschlichen‘. Erst später wurde uns klar, dass wir jetzt natürlich auch keinen gültigen Einreisestempel von Bolivien haben.
Scheiße, wa?
Auch wenn ich meinen Blog damals als ‘Hipsterblog‘ angekündigt hatte, möchte ich das Wort „YOLO“ hier dennoch vermeiden und sage daher an dieser Stelle nur: Shit Happens!

Unser Chef versucht nun, das für uns mit der zuständigen Behörde zu klären, wenn sich denn eine findet, die sich irgendwie zuständig fühlt. Irgendwie wird es schon gehen. Im Prinzip ist nur die Frage, was es kostet. Im Endeffekt ist hier ja leider so Vieles immer nur eine Frage des Geldes. Wir werden sehen.


Um dem ganzen HandyKreditkartenReisepassStempelBürokratie-Stress zu entkommen und den Kopf mal wieder ein bisschen frei zu kriegen, brach ich zu einem Kurztrip in die peruanischen Anden auf. Dort gibt es die Möglichkeit, aus einem Käfig, der an Stahlseilen in 122 Metern Höhe baumelt, einen atemberaubenden Panorama-Ausblick über die wunderschöne Berglandschaft zu bewundern.
So in etwa davon handelt auch mein nun folgendes Video, in dem ich die wenigen Kamera-Aufnahmen zu einem kurzen Filmchen zusammengeschnitten habe.

Ursprünglich war ein Video von der Fahrradtour über die Deathroad - die gefährlichste Straße der Welt – geplant. Wegen der defekten Festplatte müsst ihr jetzt aber wohl oder übel hiermit vorlieb nehmen. Aber bestimmt besser als nichts. Obwohl.. Sicher wäre ich mir da nicht. Egal. Viel Spaß damit :-)

Soundtrack wie angekündigt:

Tick Tick Boom! - The Hives

Geiler Song, also Boxen auf maximale Lautstärke drehen!


Hier der Link: www.youtube.com/LeonsBlogIstDerGeilste!
Falls das nicht geht: hier klicken
Wie immer am besten nicht hier, sondern direkt über Youtube schauen, da sieht das einfach besser aus.


Drückt mir die Daumen, dass es nicht noch weiter abwärts geht!
Tschöö
Leon


Edit: Kann mehr oder weniger Entwarnung geben. Habe mittlerweile ein Ersatzhandy mit der alten bolivianischen Nummer. Leider funktioniert das nur nicht in Brasilien. *
Geld bekomm ich (zumindest in Bolivien) auch wieder mit meiner EC-Karte.
Nachdem wir bei der bolivianischen Migrationsbehörde ca 30€ Strafe gezahlt haben, sind wir auch wieder legal in Bolivien. Bis auf den Stempel von Machu Picchu weist im Prinzip auch nichts mehr darauf hin, dass wir jemals überhaupt in Peru waren.

PS: Eventuelle Parallelen zu ehemaligen Blogschreibern, das Video betreffend, sind selbstverständlich rein zufällig.Wer's gesehen hat, verrät natürlich bitte nichts.

Freitag, 13. Juni 2014

Leon und die kranken Schwestern


Buenos días, Freunde der Sommersonne!

Heute geht es um meinen neuen Einsatzort „Sopachuy“ und meine Arbeit im dortigen Krankenhaus.

 
Ausnahmsweise werde ich mangels Kreativität nicht lange um den heißen Brei herumreden und lege gleich los:



Meine neue Gastfamilie…


...ist zwar ganz in Ordnung, aber leider nicht mal halb so cool wie Nelson von der Isla del Sol. Sie sind zwar alle relativ nett, aber von familiärem oder freundschaftlichem Verhältnis zu mir ist nicht viel zu erkennen. Vielleicht braucht das seine Zeit. Nur hab ich die ja leider gar nicht mehr. Was uns angeht sind sie außerdem wirklich extrem geizig und viel Geld, das von unserer Partnerorganisation für Verpflegung und andere Notwendigkeiten für uns gedacht ist, wandert, so glaube ich, in ihre eigene Tasche.  Das ist zwar nicht so schlimm, aber man ärgert sich eben hin und wieder darüber, dass es morgens und abends jeden gottverdammten Tag nur trockene Brötchen mit Marmelade gibt, die nur sehr wenig mit Marmelade gemeinsam hat.

Die Gastfamilie besteht aus Mutter, Vater und 3 Kindern.
Hugo, der Vater spricht meistens nur mit mir, wenn ihn irgendetwas stört. Wenn er mich sonst etwas fragt, hat das mehr mit einem Verhör gemeinsam, als mit einer netten Unterhaltung. Mit ihm komme ich nicht so gut zurecht.
Mariela, die Gastmutter, ist echt nett, plaudert gerne mit uns und ist diejenige, die das Mittagessen zubereitet. Sie tut sich sichtlich schwer damit, etwas Vegetarisches für mich zu kochen, aber sie überlegt jeden Tag aufs Neue, was man denn aus Tomaten, Zwiebeln und Eiern alles kochen könnte.
Tochter Nr. 1 heißt Carla, ist voll pubertierend und redet mit uns gern über die große Liebe, an die sie nicht mehr glaubt, seit es mit ihrem ersten Chico damals mit 14 nicht so richtig geklappt hat. Sie ist 15.
Tochter Nr. 2 heißt Angeles (Angie),  ist 10 Jahre alt und eigentlich die Liebste von allen. Sie hat angeblich eine Nudel-Allergie.
Der 6-jährige Sohn der Familie heißt Lenin und verhält sich auch so.



Insgesamt  habe ich mit der Familie nicht soo viel zu tun, da ich die meiste Zeit des Tages bei der Arbeit oder in unserem Zimmer bin. Ich glaube, ich verbringe sogar mehr Zeit mit den Haustieren:  die hyperaktive Hündin Yara; Tobias, der hässlicher ist, als jeder Straßenhund;  die Schildkröte mit dem wunderschönen Namen ‚Schildkröte‘ ; der Papagei, dem die Flügel gestutzt wurden, was ihm verständlicherweise nicht besonders zu gefallen scheint; und die drei Katzen, von denen eine mein Bett regelmäßig mit Flöhen versorgt.


 

Mein Tagesablauf...


...sieht meistens etwa so aus:

Um 7:00 Uhr eine halbe Stunde joggen (kein Witz!); dann duschen und frühstücken (allein schon wegen der warmen Dusche hat sich der Wechsel gelohnt!);
9:00 Uhr ist Arbeitsbeginn im Krankenhaus, aber wir fangen meistens lieber erst gegen 09:15 Uhr an. Das ist auch überhaupt nicht schlimm, denn zwischen 9 und 10 Uhr sind alle Ärzte bis auf einen einzigen bei der morgendlichen Visite und in der Zeit werden Patienten zwar aufgenommen, aber nicht behandelt. Sehr sinnvoll und verantwortungsbewusst!
Um 12:00 Uhr ist Mittagspause. Zu Hause gibt’s dann Mittagessen und danach schauen wir eine Serie und gehen Basketball spielen.
Um 15:00 Uhr geht die Arbeit im Krankenhaus weiter und um 18:00 Uhr ist Feierabend.
Dann gibt es ’Abendessen‘  und anschließend machen wir jeden zweiten Tag noch Sport.
Gegen 22:00 Uhr gehen wir schlafen.

Meine Aufgaben im Krankenhaus 

 

Die Arbeit im Krankenhaus macht richtig Spaß und ich würde tatsächlich gerne noch etwas länger hier arbeiten. Aber leider Gottes ruft ja bald der Urlaub …

Philipp bei der Arbeit im Patientenzimmer
Vitalzeichen aufnehmen
Da es uns vertraglich nicht erlaubt ist, Spritzen zu geben und Verletzungen zu kurieren etc., kann ich leider nicht so viel über meine Arbeit berichten ;-)

Der Hauptteil unserer Arbeit hier ist leider nicht sehr aufregend. Wir verbringen die meiste Zeit in der ‘Enfermería‘ bei den Krankenschwestern und nehmen Vitalzeichen auf, also Temperatur, Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Größe und Gewicht – auf Dauer ziemlich langweilig. Manchmal darf ich Wunden reinigen oder für den Arzt Rezepte schreiben.

Da wir ja in einem kleinen Dorf leben, passiert darüber hinaus nicht sehr viel Spannendes, sodass man sich ironischerweise quasi freut, wenn es einen Unfall oder Ähnliches gab. Das Spannendste, was ich bisher sehen durfte waren: ein kleiner Junge, der Brandwunden über die gesamte rechte Körperhälfte erlitten hatte; ein Mann mit einer großen, knochentiefen Fleischwunde am Bein durch einen Autounfall; eine Frau, die sich Arm- und Beinknochen mehrfach gebrochen hat, weil sie hingefallen war; ein Junge mit Abszessen am Bein und einem von Bakterien befallenen Schienbeinknochen, dem in Sucre anschließend das Bein amputiert werden sollte und ich durfte zusehen, wie ein Fingernagel entfernt wurde.
Außerdem habe ich sozusagen meine erste Erfahrung mit dem Tod machen dürfen. In der Nachbarschaft war eine Frau an Altersschwäche gestorben und die Polizisten am Steuer des Polizeiwagens hielten uns wegen der Kittel von Weitem für Ärzte, deshalb durften wir im Polizeiauto mitfahren und wir haben anschließend Dr. Johnny geholfen, den Leichnam zu untersuchen. Eine etwas seltsame neue Erfahrung, die irgendwie spannend, bedrückend, ungewöhnlich und interessant zugleich war, die ich aber definitiv nicht zum Beruf machen möchte. 

Die "Enfermeria"

Der Innenhof
Plaza vor dem Krankenhaus





 











Weil es sehr oft auch mal nichts zu tun gibt, bleibt uns dann nichts Anderes übrig, als während der Arbeitszeit ein wenig zu lesen, oder wie jetzt gerade, Blog zu schreiben. Außerdem durfte ich ein wenig an Philipp mit Nadeln experimentieren und üben. Während intravenös zu spritzen ohne Probleme beim ersten Versuch geklappt hat, habe ich bei dem Versuch, ihm einen Zugang zu legen erst 3 mal kräftig daneben gestochen, was mir im Übrigen echt leid tut, Philipp, auch wenn ich nicht aufhören konnte zu lachen… 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hygiene...


...ist hier nicht nur bei vielen Patienten sondern im gesamten Krankenhaus Mangelware. Während ich über manche hygienischen Mängel als Laie noch hinwegsehen kann, geht es selbst für mich manchmal wirklich zu weit:
Vor etwa einer Woche nahm ich die Vitalzeichen eines kleinen Babys auf. Plötzlich fing der Kleine auf dem Schoß seiner Mutter an, Wasser zu lassen. Logischerweise streckte sie ihn rasch mit ausgestreckten Armen von sich weg, sodass sich auf dem Boden langsam eine große Pfütze bildete. Die Mutter kümmerte sich nicht weiter darum, schnappte ihr Baby, verschwand schnell aus dem Patientenzimmer und wies jede Schuld von sich – schließlich war es ja nicht sie, die auf den Boden gepinkelt hatte. Leider arbeitete zu dem Zeitpunkt keine Putzfrau aber zum Glück hatte die Krankenschwester schnell eine geniale Idee parat: „Wir verteilen einfach die Pfütze im ganzen Raum, dann trocknet sie schneller.“  Also nahm sie einen Gummiabzieher und setzte ihre Idee in die Tat um.

Ich hoffe einfach inständig, dass mittlerweile einmal geputzt wurde.
Und ja, das ist wirklich so passiert.
Dass das gesamte Krankenhaus immer wieder ohne Strom ist und es im hinteren Trakt, wo sich auch die Toiletten befinden, tagsüber kein Wasser gibt, das ist nochmal ein ganz anderes Thema.



Wenn das Geld winkt…

 

...kann auch dieses kleine Krankenhaus nicht wiederstehe. Da ich schon unzählige Spritzen präpariert habe (die ich anschließend natürlich nie selbst verabreiche..), gibt es für mich nur zwei mögliche Erklärungen dafür, dass immer genau die gleichen 4 Medikamente verabreicht werden:
1. Entweder die Bolivianer haben ein Allerheilmittel gegen sämtliche Krankheiten gefunden, bestehend aus den genannten 4 Medikamenten, oder
2. das Krankenhaus will seine Kundschaft beibehalten und verdient sich sein Geld damit, dass die Leute nicht dauerhaft gesund bleiben (was auch erklären würde, warum die gleichen Patienten immer wiederkommen).
Klar weiß ich, dass dem Krankenhaus sowohl die Mittel als auch die Fachkräfte fehlen, um genaue Diagnosen zu stellen und die Patienten gezielt zu behandeln, aber ihnen vorzugaukeln, dass ein paar Vitamine und Schmerzmittel die Probleme lösen, scheint mir auch nicht der richtige Weg zu sein.
Ich bin trotzdem sehr froh und alle Bewohner der Umgebung sind dankbar dafür, dass es dieses Krankenhaus gibt, in dem tatsächlich auch einige gute Ärzte arbeiten und in dem sicher schon hunderten, wenn nicht tausenden, Menschen wirklich geholfen wurde.

Dass die Ärzte und Krankenschwestern nicht alle so hundertprozentig professionell sind, merkt man allerdings auch immer dann, wenn sie Patienten behandeln, denen anzusehen ist, dass es ihnen nicht so gut geht. Von einem Arzt erwartet man ja eher ein paar aufbauende Worte wie „Das ist doch halb so schlimm“ oder „Das wird bald wieder gut“. Nicht so hier im ‘Hospital Virgen de Remedios‘. Hier schaffen es manche, den Patienten neben den Schmerzen noch ein richtig mieses Gefühl oder Angst vor der Behandlung zu geben:

Ich sitze mit dem Jungen mit den schweren Verbrennungen an Bein, Bauch, Arm und Rücken in der Notaufnahme und versuche mit dem Arzt gemeinsam, die Wunde zu säubern und der Junge gibt sich größte Mühe, nicht zu schreien oder in Tränen auszubrechen, als plötzlich ein paar ‚Internas‘ – Medizinstudentinnen -  den Raum betreten und beim Anblick der Verbrennungen erst einmal mit einer Welle von „Uuuuhs“, „Oooohs“ und „Aaaahs“ und schmerzverzerrten bis angewiderten Gesichtern für eine erste allgemeine Verunsicherung sorgen. Als eine der Studentinnen aber die leicht angeschmorten Haare des Jungen erblickt, gewinnt sie schnell ihre Fassung und ihren Humor zurück: „Hahaha, schaut euch mal seine Haare an! Völlig verkohlt!“ Der Junge kann ihren Humor seltsamerweise nicht so richtig teilen, was die anderen im Raum nicht zu stören scheint, die ebenfalls in das Gelächter einfallen. Als ich den Jungen frage, wie das denn eigentlich alles passiert sei, schneidet ihm die Krankenschwester das Wort ab: „Der hat mit Feuer gespielt. Das kommt davon, wenn man Sachen macht, die man nicht darf! Das war ganz schön dumm, das machst du bestimmt nicht nochmal!“ – Wirklich sehr hilfreiche und aufbauende Worte, wenn ihr mich fragt. ;-)

Mittlerweile bin ich aber daran gewöhnt, denn auch wenn ich eine Spritze zur intravenösen Injektion vorbereite, schaut mir dann manchmal eine Krankenschwester über die Schulter und sagt zum Patienten „Uuuuuh, das wird gleich aber ganz schön weh tun!“. Dann schreien die Patienten schon, bevor man sie mit der Nadel überhaupt berührt hat. Wehleidig sind die meisten aber sowieso. Über 50% der Leute kommen ins Krankenhaus weil sie Husten oder Langeweile haben.

Eine mir bis dato unbekannte Tradition durfte ich im Krankenhaus am eigenen Leib erfahren, und zwar bei der Geburtstagsfeier für alle April- Mai- und Juni-Kinder. Das sogenannte „Tortenbeißen“ war mir zwar ein Begriff,  dass sich während des Hineinbeißens jemand von hinten an dich heranschleicht, um dein Gesicht mit voller Wucht in die Torte zu drücken, war mir allerdings neu.
Das sieht danach dann in etwa so aus:





Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in meine Arbeitswelt bzw. meine subjektive Wahrnehmung dieser geben. Insgesamt lässt sich das Leben hier kaum mit dem auf der Isla del Sol vergleichen. Hier gibt es Straßen! STRASSEN! Und Geschäfte! Und sogar ein Internetcafé, das aber manchmal kein Internet hat. Es ist zwar nicht so schön wie auf meiner Insel, aber dafür etwas belebter. Es gibt sogar Menschen in unserem Alter, mit denen man sich mal abends treffen kann (Ihr merkt, die Ansprüche sinken mit der Zeit sehr drastisch). Der Wechsel hat sich im Großen und Ganzen auf jeden Fall gelohnt! 


Mal sehen, zu wie vielen Blogeinträgen ich es noch bringe in meiner Zeit hier am anderen Ende der Welt südlich des Äquators. Vielleicht springt ja nochmal ein Video dabei raus. Und da ihr ja alle demnächst auch mit den Abiprüfungen durch seid, gibt es auch keine Ausreden mehr für’s Nicht-Lesen! ;-)

Macht’s gut, ihr Hübschen, bis demnächst!
Euer Leon



Das Krankenhauspersonal lässt grüßen!

Samstag, 31. Mai 2014

Mach doch mal Bolivianisch!



Liebe Leserinnen und Leser,

es wird immer stiller rund um meinen Blog und man könnte fast behaupten, ich hätte ein schlechtes Gewissen deswegen. Außerdem sollte ich aufhören, leere Versprechen zu machen vonwegen „Ich schreib jetzt öfter“, wo doch mittlerweile jeder weiß, dass daraus sowieso nichts wird. Mein Jahr hier in Bolivien nährt sich dem Ende und obwohl ich mich sehr auf good old Germany freue, habe ich noch große Pläne für meine verbleibenden 1 ½ Monate; darunter das Besteigen eines 6000 (!) Meter hohen Berges und das Erkunden von Machu Picchu, das etwas hochtrabend als ‘neues Weltwunder‘ bezeichnet wird, obwohl dieses Bauwerk ja nun wirklich alles andere als neu ist.


Außerdem werde ich gemeinsam mit der deutschen Nationalmannschaft den Gewinn des 4. WM-Titels an der Copacabana in Rio de Janeiro feiern. 


Weil ein guter Blog aber weniger in der Zukunft sondern vielmehr in der Gegenwart spielen sollte, widme ich mich jetzt wieder dem hier und jetzt. Genauer gesagt: Dem Alltag in Bolivien.
Vor einiger Zeit habe ich den ersten Teil der Kategorie „Bolivianische Besonderheiten“
veröffentlicht.
Auf einen ersten Teil folgt ja in der Regel ein zweiter und da möchte ich natürlich keine Ausnahme von der Regel machen. Viel Spaß also mit Teil 2 der Bolivianischen Besonderheiten!


1. Kohlenhydratbomber



Sehr, sehr viele Bolivianer sind sehr, sehr dick. (Natürlich auch sehr viele Deutsche, aber auf öffentlichen Blogs muss man ja Stereotypen bedienen, wie in jeder guten Zeitung).
Und mit sehr, sehr viele meine ich weit über die Hälfte! Und mit sehr, sehr dick meine ich.. naja.. ziemlich dick eben.
Das mag zum Einen einfach in den Genen liegen, aber diese Ausrede allein lasse ich nicht gelten.
Man werfe also mal einen Blick auf die Ernährung eines Durchschnittsbolivianers.
Angefangen von Coca-Cola in der Babyflasche bis zum massiven Alkoholkonsum im Rentner-Alter fällt dem stillen Beobachter da so einiges auf, was ein wenig von der Norm abweicht.


Oft werde ich nach bolivianischen Spezialitäten gefragt und mir will einfach nie ein typisch bolivianisches Gericht einfallen. Im Prinzip verhält es sich so: Bolivianer essen einfach alles sehr gerne und viele eben am liebsten ganz viel davon!



Da die meisten sehr, sehr wenig von gesunder Ernährung verstehen, was natürlich wiederum mit dem Bildungsstandard zu tun hat, scheint das Essen dem verwöhnten Deutschen meist ein wenig einseitig und ungesund. Ich bezeichne das Essen gerne als Kohlenhydratbomber, denn 4-5 mal pro Woche wird bei uns Reis mit Kartoffeln serviert. 1-2 mal gibt es Kartoffeln mit Nudeln und 1 mal Kartoffeln mit Nudeln und Reis. Sollte ich also mit ein paar Kilos mehr auf den Hüften zurückkommen ist das mit Sicherheit der einzig logische Grund dafür.


2. Cholitas Furiosas


Das Wort ‘Cholita‘ benutze ich hier so häufig, dass ich total verwirrt bin, wenn jemand von zu Hause nicht versteht, wovon ich rede. Cholitas gibt es hier überall. In Großstädten wie im hintersten Loch von Bolivien hat sich dieser Stil bei der Mehrheit der Frauen durchgesetzt. Cholitas sind im Prinzip nichts anderes, als Frauen, die einen bestimmten Kleidungsstil haben. Dieser sieht im Hochland von Bolivien in etwa folgendermaßen aus:
1.         Langer Rock

2.         noch ein langer Rock

3.         noch ein langer Rock
4.         noch ein langer Rock
5.         noch ein langer Rock (muss nicht sein, aber kann ja nicht schaden!)
6.         Die Röcke sollten mit einem Band so abgebunden sein, dass man
            dabei möglichst wenig atmen kann.
7.         Darüber trägt man ein Oberteil mit beliebiger Farbe
8.         Hinzu kommt eine Strickjacke, die farblich möglichst komplementär 
           zum Rock, also möglichst unpassend sein sollte.
9.         Auf den Kopf zieht man als Cholita einen Melonenhut á la Charlie 
            Chaplin.
            Zylinder schräg aufsetzen bedeutet dabei ‘single‘, gerade
            aufgesetzt bedeutet ‘vergeben‘. Oder andersrum?
10.       Meist eine Kochschürze (warum auch immer…)
11.       Zwei ellenlange Zöpfe


Cholitas gibt es vor allem in den ärmeren Gesellschaftsschichten, weshalb damit häufig mangelnde Hygiene assoziiert wird.
Man darf wohl generell behaupten, dass hier auf Hygiene einfach etwas weniger Wert gelegt wird, was natürlich auch vieles leichter macht. Natürlich legen auch hier die Menschen viel Wert auf ihr Äußeres. Der Geschmack weicht nur offenbar sehr von dem europäischen ab.

Die vielen Unterröcke und das unvorteilhafte Oberteil sorgen dafür, dass man als Cholita automatisch unglaublich übergewichtig wirkt, selbst wenn man super schlank ist.


Dieser mehr oder weniger modische Trend wurde durch die spanischen Kolonien ins Land gebracht und hat sich erstaunlicherweise durchgesetzt. Das Wort ‘Cholita‘ war zunächst sehr abwertend gemeint, wird aber mangels Alternative akzeptiert. 


3. Crazy Taxi


Der Verkehr in Bolivien unterscheidet sich dezent vom deutschen.
Ampeln gibt es nur wenige und wenn, dann sind sie mehr so etwas wie ein Hinweis, dass man an dieser Stelle eine Pause einlegen könnte, wenn man denn möchte. Aber man möchte ja meistens nicht. Zebrastreifen gibt es eigentlich einfach nur so aus Scheiß. Denen kommt keine weitere Bedeutung zu.
In La Paz gibt es etliche Verkehrspolizisten, die den Straßenverkehr regeln. Da die Ampeln aber einwandfrei funktionieren, sind diese Polizisten absolut überflüssig. Die gibt es also im Prinzip auch nur so aus Jux und Dollerei. 
Die meisten haben natürlich kein Auto, deshalb nehmen Busse, Microbusse, Minibusse und Taxis über 90% des Straßenverkehrs ein.
Die Busse sind alte amerikanische Schulbusse, die stets eine tiefschwarze Rauchwolke hinter sich lassen und wohl schon in den 60ern in Deutschland keine Zulassung vom TÜV mehr bekommen hätten.

Microbusse sind kleine Busse, die tagsüber im 5-Minuten-Takt ohne feste Zeiten fahren. Man kann ein- und aussteigen, wo man möchte und sollte dabei stets seine Wertsachen überprüfen.
Minibusse sind große Autos mit höchstens 12 Sitzplätzen, die festgelegte Routen fahren. Will der hinterste Passagier aussteigen, müssen zuerst alle vorderen Reihen aufstehen, die Sitze einklappen, aussteigen, warten, einsteigen, Sitze hochklappen und sich hinsetzen, ehe es weitergehen kann. Ein mieses System, aber was will man machen.


Hätte ich ein Auto, wäre ich ganz offiziell bolivianischer Taxifahrer. Dazu braucht man nämlich nichts weiter als einen Führerschein oder Bestechungsgeld, falls man ohne erwischt wird (hab ich!) und einen Taxi-Aufkleber (hab ich auch!). Dementsprechend viele Taxifahrer gibt es hier in Bolivien. Ein funktionierendes Tacho oder Scheinwerfer oder Außenspiegel gehören nicht notwendigerweise zum Inventar. Einmal ist während der Fahrt der ganze Frontflügel abgefallen.
Da Taxifahren ziemlich billig ist, ist das vor allem nachts unser Hauptfortbewegungsmittel.
Mit der Anzahl an Mitfahrern nehmen die es da nicht ganz so genau, weshalb wir immer gerne versuchen, einen neuen Rekord aufzustellen. Über 15 Leute und eine Ananas kamen wir allerdings nie hinaus – aus Sicherheitsgründen natürlich. 16, das wäre einfach zu gefährlich.



 

4. Sonne, Mond und Sterne


Auch am Himmel über Bolivien lassen sich kleine, aber feine Unterschiede feststellen:
Zum einen ist die Sonne in höheren Regionen wie dem Titicacasee so stark, dass man sich bei dunkelgrauen Regenwolken trotzdem einen dicken, fetten Sonnenbrand einfangen kann und in den ersten Monaten hatte ich immer knallrote, tränende Augen, wenn ich meine Sonnenbrille mal vergessen hatte.
Wenn die Sonne dann untergeht, leuchtet der Himmel über Sucre nicht rot sondern grün und gelb.
Nachts kann man auf über 4000m bei absoluter Dunkelheit mehr als 5 mal so viele Sterne sehen wie in Deutschland und allein dafür würde sich ein Abstecher nach Bolivien lohnen! Mir fallen gar nicht so viele Wünsche ein, wie ich Sternschnuppen gesehen hab.
Dass ich hier wirklich am Arsch der Welt lebe, wird mir vor allem bei Halbmond immer besonders deutlich. Der liegt nämlich auf dem Bauch, so als wäre er umgefallen.


5. Preisvergleich


Eigentlich ziemlich unerheblich, aber meiner Meinung nach trotzdem irgendwie interessant:
Der Preisunterschied zwischen Bolivien und Deutschland. Vieles lässt sich natürlich schwer vergleichen, aber ich mach das jetzt einfach trotzdem. Einfach zu sagen „Bolivien – da ist doch alles super billig“ ist nämlich auch falsch, vieles ist sogar teurer als in Deutschland. Natürlich ist der Text trotzdem auch dazu da, euch (vor allem die Autofahrer unter euch) neidisch zu machen.


                                               Deutschland                           Bolivien

Friseurbesuch                       10,00 – 30,00€                           1,50 – 3,00€  dafür sieht’s in der Regel                                                                                                                      ziemlich schlecht aus
Busfahrt                                 2,70€                                        0,10€
Taxifahrt 10 Minuten           10,00€                                         0,20 – 0,50€ p.P.
Billigbier  0,5L                      0,39€                                         1,10€             jedes bolivianische Bier                                                                                                                    ist Billigbier
Nutella                                 2,50€                                         5,00€
1x Volltanken                     65,00€   (Benzin)                          4,00€ (Erdgas) Fast alle bolivianischen                                                                                                                           Autos fahren mit Erdgas
DVD                                 15,00€ Original                            0,30€ Kopie
Gas, Wasser, Strom/Monat   zu viel!                                      5,00€
                       
Hamburguesa mit extra Chilisoße

 

6. Nosotros no hablamos Deutsch


Deutschland ist den meisten Bolivianern ein Begriff und viele wissen sogar ein paar Dinge darüber. Die meisten denken zwar, dass in Europa alle englisch miteinander sprechen und Kinder haben mich schon mehrmals gefragt, warum wir Europäer uns eigentlich alle unsere schwarzen Haare blond färben, aber wir sind ja schließlich als Freiwillige hier, um solche Missverständnisse aus der Welt zu schaffen.
 
Ein weiteres Missverständnis ist die angebliche „deutsche Pünktlichkeit“, die von den Bolivianern immer in den Himmel gelobt wird. Nichts als böse Vorurteile! Verantwortungsbewusst wie ich bin, komme ich jeden Tag demonstrativ viel zu spät, um diesem Vorurteil entgegenzuwirken.


Hier mal meine Top 5 der in Bolivien bekanntesten Dinge aus Deutschland

1. Rammstein
2. Hitler
3. Bayern München
4. Berliner Mauer
5. Jägermeister

Schon mehrmals wurde ich gefragt, ob ich Hitler eigentlich auch so super cool finde und warum wir eigentlich alle Nazis sind. Einer hat mal gefragt, warum Hitler eigentlich die Berliner Mauer gebaut hat. Da muss man dann immer ganz langsam und freundlich erklären und immer mehr Bolivianer verstehen so langsam, dass am Nationalsozialismus rein gar nichts super cool ist. Außer die Autobahnen natürlich…*
                                                                  *Achtung, Sarkasmus!

Wer findet, Deutschland sei durch die fünf oben genannten Dinge nicht besonders treffend repräsentiert, hat vermutlich recht. Aber mal ehrlich, was soll man Bolivianern über die deutsche Kultur erzählen? Gibt es sowas überhaupt? Bier trinken und Brezeln essen während man sich in Lederhosen für die Karriere halbtot arbeitet - so in etwa sieht das Bild von Deutschland hier aus. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber da ich gerne Bier trinke und Brezeln esse, ist das okay für mich. Eine Identitätskrise hab ich deswegen noch nicht.

Kultur wird ja eh total überbewertet, wenn ich das mal so sagen darf, und wird ja sehr gerne mit „Schubladen-Denken“ verwechselt. Mit der Aussage hätte ich wohl keinen Platz beim Internationalen Freiwilligendienst bekommen, aber das musste einfach mal raus. ;-)
Bolivianer sind so und Deutsche sind so - das funktioniert einfach nicht, also kann doch auch dahingehend kein allgemeiner kultureller Austausch stattfinden. Ich will nicht den Bolivianern einen deutschen oder christlichen Stempel aufdrücken, sondern meinen persönlichen. Kultur, Schubladen-Denken und gesellschaftliche Zwänge bzw. Anpassungszwang liegen mir häufig einfach zu nah beieinander. Natürlich ist es mir wichtig, dass Traditionen oder Sprachen oder auch traditionelle Kunst nicht im rapiden Wandel der Gesellschaft untergehen, aber die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen bleibt dabei aus meiner Sicht immer oberstes Gebot. 

Wenn ich trotzdem dauernd von der bolivianischen Kultur spreche und ein paar Vorurteile bediene, klingt das vielleicht etwas paradox, aber erstens wirkt das Wort „Kultur“ immer total intellektuell und vielsagend und zweitens ist es einfach einfacher von „den Bolivianern“ zu reden, als immer zu differenzieren. Dass man das nicht alles verallgemeinern kann, ist ja irgendwie logisch. Ein bisschen über das Gelesene reflektieren muss man dann eben doch manchmal :-)

Damit wäre nun auch dieser Blogeintrag zu Ende. Kritik oder Anmerkungen oder Liebesbekundungen oder finanzielle Spenden natürlich wie immer ins Kästchen oben rechts oder per Postweg an meine im Übrigen neue Adresse in Sucre, die ich im Laufe der nächsten Monate bestimmt noch nachreichen werde.



Hasta luego, meine Lieben. Bis bald!
Euer Leon